Traumafolgen im höheren Lebensalter | Klinik Friedenweiler
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08Nov

Traumafolgen im höheren Lebensalter

Blog  

Traumata entstehen, wenn Menschen eine lebensbedrohliche Situation, ernstzunehmende Verletzungen oder die Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit bei sich oder anderen Mitmenschen erleben. Das Spektrum möglicher auslösender Ereignisse ist breit: Sexuelle, psychische oder physische Gewalt, Kriegserfahrungen, politische Verfolgung, Hunger, Geiselnahmen oder schwere Unfälle sind einige der möglichen traumatisierenden Ereignisse. Die menschlichen Reaktionen auf diese Ereignisse sind sehr variabel, und verändern sich auch in Abhängigkeit des zeitlichen Abstandes. Klassische Sofortreaktionen sind Erstarren, intensive Furcht, Hilflosigkeit und Schrecken. Ob und wie sich aus dem Trauma eine Traumafolgestörung entwickelt, hängt nicht nur von dem Trauma selbst ab. Es ist vielmehr von besonderer Bedeutung, in welchem Lebensalter, wie häufig und lange ein Trauma erlebt wird, und welche Ressourcen ein Mensch hat, um mit dem Trauma umzugehen.

Viele belastende Erlebnisse werden von Menschen als Trauma bezeichnet. Um von einem Trauma im medizinischen Sinne ausgehen zu können, müssen jedoch drei Eingangskriterien erfüllt sein:

  1. Das Ereignis muss eine existenzielle Bedrohung darstellen und würde von den meisten Menschen als schwere Bedrohung erlebt werden.
  2. Die Betroffenen sind mit der Verarbeitung des Erlebten überfordert und haben ihre persönlichen Möglichkeiten ausgeschöpft.
  3. Das Ereignis hat eine nachhaltige Auswirkung auf den Betroffenen und hat Leiden und Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung zur Folge.

Wenn die Bewältigungsstrategien des Menschen überfordert sind, kann es zu einer Traumafolgestörung, wie zum Beispiel einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), kommen. Anders als oft zu lesen, muss diese jedoch nicht in engerem Zusammenhang zu dem Ereignis stehen, sondern kann auch mit erheblichem zeitlichem Abstand entstehen.

 

1. Die Reaktivierung früherer Traumata im Alter

Oft gelingt es Menschen, aufgrund ihrer zur Verfügung stehenden Kräfte und auch der ihnen obliegenden Aufgaben, auch nach einem Trauma ein mehr oder weniger normales Leben zu führen. Die Bewältigungsstrategien sind ausreichend, um mit der Belastung umzugehen. Die Versorgung der eigenen Kinder oder die beruflichen Anforderungen bedingen, dass der Fokus auf andere wichtige Lebensbereiche gelenkt und das Trauma für eine Zeit, manchmal auch Jahre, in den Hintergrund gerät.

Mit zunehmendem Alter kommt es jedoch zur Abnahme der Ressourcen (Bewältigungsmechanismen), beispielsweise durch weitere Gebrechen oder Erkrankungen oder andere Belastungen. Wenn eine kritische Schwelle überschritten wird, kann es sein, dass die Bewältigungsmechanismen nicht mehr ausreichen und für den Betroffenen plötzlich Traumerinnerungen sehr präsent werden, sodass Symptome einer Traumafolgestörung entstehen. Dann können auch eigentlich alltägliche Signale die Ängste von früher wieder aktivieren (Trigger). Bestimmte Gerüche, Geräusche oder auch Situationen können Anlass sein, dass die traumatischen Erlebnisse wieder in Erinnerung treten, überwältigen, und den Betroffenen nicht mehr loslassen. Hier spricht man von einer Reaktivierung des Traumas.

2. Traumafolgen mit Einfluss auf das Leben der Senioren

Die Reaktivierung von Traumata betrifft vor allem Personen ab dem 65. Lebensjahr. Erinnerungen an Kriege, Entbehrungen in der Nachkriegszeit, aber auch Unfälle und Gewalterfahrungen können Traumafolgestörungen auch viele Jahre später bedingen. Die Symptome der Traumafolgestörung beeinflussen hierbei nicht nur das subjektive Wohlbefinden der Menschen, sondern können auch Auslöser gesundheitlicher (körperlicher) Symptome oder sozialer Probleme sein. Hierbei können die Symptome auch von den Erinnerungen entkoppelt sein. Es kann beispielsweise vorkommen, dass die betroffenen Personen keine Ursache einer starken Angst ausfindig machen können. Man spricht hier auch von Dissoziation, also einer Abspaltung. Diese Dissoziation hat zunächst eine Schutzfunktion: Sie hilft, durch Ausblenden einen Teil des Erlebten erträglicher zu machen. Wenn jedoch plötzlich sehr starke Gefühle und/oder körperliche Symptome auftreten, ohne dass diese einem Gedächtnisinhalt klar zugeordnet werden und nicht mehr kontrolliert werden können, wird dies zu einer starken Belastung.

Von sexualisierten Gewalterfahrungen geht oft ein doppeltes Leiden aus: Das Thema der sexuellen Gewalt wurde damals verschwiegen und für den Betroffenen auch heute noch schambesetzt, was die therapeutische Verarbeitung von Traumata massiv erschweren kann.
Der Beginn einer Traumafolgestörung – gerade im höheren Alter – kann auch schleichend erfolgen und lange Zeit nicht diagnostiziert bleiben. Oft werden die Symptome als körperliche Erkrankung, aber auch als Altersdepression oder Angststörung fehlinterpretiert. Dabei sind posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) überdurchschnittlich häufig bei älteren Patienten zu finden.

Haben Sie den Verdacht, auch an einer PTBS erkrankt zu sein? Testen Sie sich hier selbst!

Die klassischen Symptome einer PTBS in Vollausprägung sind:

  1. Immer wiederkehrende Bilder, Geräusche oder bestimmte Gefühle sowie Träume von dem traumatischen Ereignisse („Wiederhallerinnerungen“, „Flashbacks“). Die Intensivität kann hierbei so hoch sein, dass diese „wie real“ erlebt werden.
  2. Die Betroffenen reagieren auf das Wiedererleben und auf alle Situationen, die auch nur im Geringsten mit einer Erinnerung einhergehen könnten, mit Vermeidung. Alles, was die Erinnerungen triggern (auslösen) könnte, wird umgangen. Dies können Gedanken, Situationen, Aktivitäten oder Orte sein.
  3. Die Betroffenen fühlen sich emotional wie betäubt und unfähig, eine adäquate Gefühlsreaktion zu zeigen. Außerdem können Entfremdungsgefühle, Interessenverlust und sozialer Rückzug folgen.
  4. Menschen, die Traumata erlebt haben sind besonders vorsichtig und neigen dazu, ihre Umgebung ständig zu überwachen, aus Angst um ihre körperliche Unversehrtheit. Diese Übererregung hat meist erhebliche Konzentrations- und Schlafstörungen sowie eine erhöhte Schreckhaftigkeit und Reizbarkeit zur Folge.
  5. Nicht selten leiden Menschen mit einer Traumafolgestörung unter einer Bindungsstörung, die auch den therapeutischen Zugang erschwert. Gerade bei Gewalterfahrungen durch andere Menschen (sog. „man made trauma“) wird das Urvertrauen erschüttert und der Betroffene hat große Schwierigkeiten, Mitmenschen wieder zu vertrauen und Bindungen wiederaufzubauen.

Die Symptome einer Traumafolgestörung können erhebliches Ausmaß annehmen: Viele Betroffene leiden unter anhaltenden Gefühlen von Scham, Schuld, Erniedrigung bis hin zur Selbstaufgabe. Hinzu kommen destruktive Gedanken bis hin zu Lebensüberdruß und der Verlust der Lebensqualität. Vermehrt treten psychosomatische Erkrankungen auf, häufig entstehen eine Depression und Ängste oder Panikattacken auf dem Boden der PTBS. Es reicht hierbei jedoch nicht aus, die Behandlung auf die Folgestörungen zu beschränken.

3. Einfluss von Traumata auf die nächste Generation

Wenn Eltern oder Großeltern ein Trauma erlitten haben, werden Folgen des Traumas und die traumaassoziierten Ängste oft unbewusst an die nächsten Generationen weitergegeben und verankert. Traumata können innerhalb der Familie über mehrere Generationen weitervererbt werden. Insbesondere Forschungen in der Epigenetik weisen darauf hin, dass somit auch die Weitergabe von Traumafolgen möglich ist. So können auch Nachfahren Ängste, Selbstzweifel und Schams älterer Generation weiter in sich tragen, ohne die genauen Zusammenhänge zu verstehen.
Indirekte Anzeichen, die auf ein vererbtes bzw. weitergegebenes Trauma hinweisen können, sind zum Beispiel:

  1. Unerklärlich angespanntes oder ambivalentes Verhältnis zur Mutter oder zum Vater.
  2. Schwierigkeiten beim Einlassen auf den Partner / die Partnerin.
  3. Klaustrophobische Ängste (Angst vor engen Räumen).
  4. Schuldgefühle und schlechtes Gewissen ohne rationale Begründung.

 

4. Trauma und Demenz

Aktuell wird auch intensiv diskutiert, ob das Risiko an Demenz zu erkranken bei Menschen mit PTBS erhöht ist. Es gibt wissenschaftliche Daten, die darauf hinweisen. Durch eine posttraumatische Belastungsstörung kommt es nämlich häufiger zu einer Einschränkung der kognitiven Funktionen. In der Praxis ist in der Tat zu beobachten, dass bei Demenzerkrankten gegenwärtige Erinnerungen vergessen werden, alte Erinnerungen hingegen präsenter erscheinen und ähnlich wie bei einem Trauma immer wieder durchlebt werden. Auch kann es vorkommen, dass ein Trauma und Wiederhallerinnerungen bei älteren Menschen mit einer Demenz verwechselt werden, da manche Symptome wie Scham, sozialer Rückzug oder Verzweiflung überlappend auftreten können.

5. Traumafolgen überwinden

Auch wenn das Trauma zeitlich schon lange zurückliegt, kann die Traumafolgestörung auch erst in höherem Alter auftreten.
Von großer Bedeutung ist es deshalb, sich über die Erkrankung zu informieren, um etwaige Symptome einordnen zu können, da die Folgen einer PTBS auch die Familie, das soziale sowie das berufliche Umfeld und andere wichtige Lebensbereiche betreffen können.

Traumatherapie bedeutet nicht, dass die belastenden Ereignisse endgültig vergessen oder rückgängig gemacht werden können. Durch eine professionelle Behandlung können jedoch die zum Teil abgespaltenen Erinnerungen wieder besser eingeordnet und auch integriert werden. Durch ein besseres Verständnis und die bessere Kontrolle gewinnt der Betroffene wieder mehr Sicherheit und Autonomie und dann auch wieder Lebensqualität. In der Traumatherapie steht an erster Stelle die Wiederherstellung des Grundgefühls von persönlicher Sicherheit. Beziehungsarbeit gehört deshalb in der ersten Therapiephase zu den obersten Prioritäten.

Im weiteren Verlauf erlernt der Patient Techniken, die dabei helfen, Symptome der Traumafolgestörungen besser zu kennen und zu bewältigen, was zuverlässig hilft, die Symptome zu lindern. Im Kern der Traumatherapie wird an den belastenden Erinnerungen selbst gearbeitet, sodass diese ihre Bedrohlichkeit verlieren. In der letzten Therapiephase erfolgt dann der Alltagstransfer des Erarbeiteten, das heißt die in der Therapie erarbeiteten Erfolge müssen im Alltag benutzt und angewendet werden. Auch wenn oft nicht die vollständige Auflösung der Symptome erreicht werden kann, ist es dennoch meistens der Fall, dass es den Betroffenen wieder möglich ist, ein angstfreies Leben zu führen.

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