Was tun bei chronischem Tinnitus? | Klinik Friedenweiler
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28Aug

Was tun bei chronischem Tinnitus?

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1. Was ist chronischer Tinnitus?

Chronischer Tinnitus ist ein permanentes Ohrgeräusch wechselnder Intensität. Zunächst muss zwischen dem objektiven und dem subjektiven Tinnitus unterschieden werden: Ersterer entsteht zum Beispiel in einem dem Ohr naheliegenden Blutgefäß durch Verwirbelungen und kann auch von einem Arzt mit Stethoskop gehört werden. Der subjektive Tinnitus wird nur vom Patienten selbst wahrgenommen. Er ist wesentlich häufiger. Das zweite wesentliche Kriterium ist der zeitliche Verlauf: praktisch jeder Mensch hat kurzzeitig Ohrgeräusche wie Summen oder Pfeifen, diese bilden sich jedoch in den allermeisten Fällen sehr rasch wieder zurück und beeinträchtigen kaum oder wenig langfristig die Gesundheit der Betroffenen. Ab einer Dauer von drei Monaten mit andauerndem Tinnitus, d.h. Geräuschen im Ohr, spricht man von einem chronischen Tinnitus. Patienten mit einem anhaltenden Tinnitus können einen hohen Leidensdruck entwickeln und fühlen sich dann in ihrer Gesundheit und ihrer Lebensgestaltung erheblich beeinträchtigt.

 

2. Wie klingt Tinnitus?

Die meisten Patienten klagen bei Tinnitus über sogenannte tonale Geräusche im Ohr, dies sind Ohrgeräusche in Form eines Tons wie Pfeifen oder Piepen, es können jedoch auch ganz unterschiedliche atonale Geräusche im Ohr wie Rauschen, Brummen, Zischen, Klopfen oder Knacken vorkommen. Oft nehmen diese Ohrgeräusche bei Stress zu. Diese Geräusche im Ohr stellen die sogenannten primären Symptome dar. Es gibt jedoch auch sogenannte Sekundärsymptome bzw. Begleitsymptome:

 

3. Was sind die typischen Begleitsymptome für chronischen Tinnitus?

Auch wenn ein Tinnitus klassisch ein Ohrgeräusch darstellt, kann es bei der Entwicklung eines chronischen Tinnitus zu einer Vielzahl von Symptomen kommen, die sich von Mensch zu Mensch erheblich unterscheiden. Unter anderem treten Konzentrationsstörungen, Hilflosigkeit, Angst vor Kontrollverlust, ein verringertes Selbstwertgefühl, soziale Isolierung, Meidungsverhalten und Störungen der Beziehungsgestaltung auf. Neben Schlafstörungen gibt es weitere körperliche Symptome wie Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Zähneknirschen und der gestörte Schlafrhythmus. Viele Betroffene berichten auch über Benommenheit und Schwindelgefühle. Diese Symptome beeinträchtigen das Leben und die Gesundheit des Menschen oft noch viel mehr als das Ohrgeräusch. Gesundheit bedeutet in erster Linie die Abwesenheit von Erkrankungen. Bei anhaltendem Stress durch permanente Geräusche im Ohr entsteht für den Betroffenen weiterer Stress, der die Gesundheit noch mehr einschränkt. In der Therapie des Tinnitus gilt es deshalb nicht nur das Ohrgeräusch, sondern auch die Begleitsymptome zu behandeln.

 

4. Wo und wie entsteht chronischer Tinnitus?

Nach heutigem Wissensstand geht man davon aus, dass Tinnitus seinen Ursprung im Ohr, genauer gesagt in einem Bereich des Innenohrs hat. So entsteht zum Beispiel Tinnitus, wenn es zu einem Hörverlust kommt, interessanterweise vor allem bei den Frequenzen, die von dem Hörverlust am meisten betroffen sind. Vermutlich sind die Ursachen hierfür fehlgeleitete Rückkopplungsmechanismen. Dies erklärt auch, warum viele Menschen in absoluter Stille einen Tinnitus bekommen. Wenn Ohrgeräusche auftreten, handelt es sich zunächst um einen akuten Tinnitus.

Leider ist die Erkrankung jedoch deutlich komplexer, im Verlauf spielt mehr die weitere Verarbeitung der Hörreize im Gehirn eine Rolle als die Problematik im Ohr. Selbst nach einer Durchtrennung des Hörnervs besteht der Tinnitus weiter. Die Verarbeitung der Hörreize im Gehirn ist bei Tinnitus-Patienten Ursache für gesteigerte Reiz-Antworten wie erhöhte Reizbarkeit, Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen und Angst. Diese sind für viele Patienten belastender als das Ohrgeräusch selbst. Sobald die Problematik über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt, spricht man von einem chronischen Tinnitus. Der chronische Tinnitus wird von den meisten Patienten viel beeinträchtigender für die Gesundheit erlebt, als der akute Tinnitus.

 

5. Welche Erkrankungen treten kombiniert mit chronischem Tinnitus auf?

Chronischer Tinnitus ist häufig mit Erkrankungen wie Depression, Angststörung, Suchterkrankungen und Abhängigkeitserkrankungen vergesellschaftet. Was sind jedoch die Ursachen und was sind die Folgen? Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte: Chronische Ohrgeräusche zermürben den Patienten und können in der Depression münden. Manche Patienten „therapieren“ sich bzw. die Symptome mit Alkohol. Und es liegt auf der Hand, dass anhaltende Geräusche im Ohr zu Schlafstörungen führen. Umgekehrt konnte klar nachgewiesen werden, dass das Vorhandensein einer psychischen Erkrankung die Gefahr erhöht, auch noch einen Tinnitus zu bekommen. Insbesondere wenn zusätzlich zum Tinnitus solche Begleiterkrankungen auftreten, sollte ein entsprechender Facharzt (Psychiater, Nervenarzt, Arzt für Psychosomatische Medizin oder psychologischer Psychotherapeut) hinzugezogen werden, um eine leitliniengerechte Therapie zu ermöglichen.

 

6. Welchen Arzt sollte ich aufsuchen? Was sollte dieser Arzt untersuchen?

Zu Beginn der Erkrankung sollte ein Hals-Nasen-Ohrenarzt aufgesucht werden. Dieser wird zunächst die Ohren selbst untersuchen, dann mittels technischer Hilfe die Hörfähigkeit, aber auch die Charakteristika des Tinnitus prüfen. Auch sollte eine neurologische Untersuchung erfolgen, die unter anderem auch das Gleichgewicht prüft. HNO-Arzt und/oder Neurologe entscheiden dann auch, ob weitere bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie oder spezielle Laboruntersuchungen, wie sie zum Beispiel bei Infektionserkrankungen erforderlich sind, durchgeführt werden müssen. Es geht also um den Ausschluß organischer Ursachen des Tinnitus. Meist lässt sich jedoch keine klare körperliche Ursache finden. Da bei chronischem Tinnitus im Verlauf die psychische Belastung überhandnimmt und das erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit hat, sollte ein Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatik hinzugezogen werden, der sich in der Behandlung des chronischen Tinnitus und der Begleiterkrankungen auskennt.

 

7. Muss jeder Tinnitus therapiert werden?

Nein. Die allermeisten Ohrgeräusche bilden sich ohne Behandlung von alleine zurück. Erst bei höherem Leidensdruck oder einem Fortbestehen der Ohrgeräusche über einen längeren Zeitraum ist eine Therapie erforderlich.

 

8. Welches Medikament hilft bei chronischem Tinnitus am besten?

Zur Behandlung des akuten Tinnitus gibt es eine Reihe an Medikamenten (Cortison, Vitamine, blutverdünnende Infusionen, Lokalanästhetika, Antiepileptika u.a.). Die Empfehlungen zur Behandlung sind nicht einheitlich und hängen letztlich auch von der Fachrichtung des Arztes ab.

Leider gibt es für die Therapie des chronischen Tinnitus zunächst gar keine medikamentöse Therapie durch Tabletten. Eine spezifische Medikamentenbehandlung, die die Ursachen bekämpft und mit nachgewiesener Wirksamkeit hilft, steht nicht zur Verfügung. Weder die Europäischen Arzneimittelagentur noch die Amerikanische Zulassungsbehörde FDA haben ein Präparat für die Behandlung von chronischem Tinnitus zugelassen. Auch für Nahrungsergänzungsmittel, Antioxidanzien, oder Wirkstoffkombinationen konnte kein Wirksamkeitsnachweis erbracht werden. Dies steht im Widerspruch zu der Vielzahl von therapeutischen Angeboten und rezeptfrei erhältlichen Substanzen auf dem Markt.

Anders verhält es sich bei den Begleiterkrankungen von Tinnitus wie Depression, Schlafstörungen oder andere. Diese Behandlung kann leitliniengerecht spezifisch und mit hierfür zugelassenen Arzneimitteln erfolgen. Der Einsatz von Antidepressiva bei Tinnitus-Patienten, die keine Depression haben, kann pauschal nicht empfohlen werden. Um die Gesundheit und Lebensqualität bei chronischem Tinnitus wieder herzustellen, steht die Beseitigung der primären Geräusche im Ohr also gar nicht mehr im Vordergrund.

 

9. Wie sollte eine nicht-medikamentöse Behandlung beginnen?

Ein erster, wichtiger Schritt ist das sogenannte Tinnitus-Counseling. Dies wird meist von den primär behandelnden Ärzten, also HNO-Ärzten oder Neurologen, durchgeführt. Dies ist keine Psychotherapie, sondern eher eine Psychoedukation, also eine Vermittlung von Informationen vom Arzt an den Patienten (sogenannte Psychoedukation). Ziel ist es, dem Patienten durch die Schulung die Entwicklung eines eigenen Krankheitsmodelles zu ermöglichen. Durch ein besseres Verständnis über die Erkrankung und deren Ursachen nehmen Ängste und katastrophisierende Gedanken ab, und der Patient ist besser in der Lage, über den Einsatz weiterer Behandlungsmöglichkeiten des Tinnitus aktiv mit zu entscheiden.

 

10. Psychotherapie bei chronischem Tinnitus

Eine relativ gute Datenlage gibt es für verhaltenstherapeutische Maßnahmen bei chronischem Tinnitus. Die Behandlung sollte störungsspezifisch auf chronischen Tinnitus ausgerichtet sein, um die Gesundheit des Patienten nachhaltig zu fördern. In einem ersten Schritt sollte ein individuelles Krankheitsmodell erarbeitet werden, in welchem der Patient ein besseres Verständnis für die Entstehung des Geräusches im Ohr bekommt und Ängste ausgeräumt werden (Psychoedukation). In den nächsten Schritten erarbeiten Therapeut und Patient gemeinsam, welche individuellen Faktoren dazu geführt haben können, dass der Patient einen Tinnitus entwickelt hat und welche aufrechterhaltende Faktoren sind. Stressoren im privaten und beruflichen Umfeld können Ursachen sein, die gefunden und analysiert werden. Gegebenenfalls werden alternative Handlungsmöglichkeiten besprochen. Der Umgang mit Geräuschen im Ohr wird auf

1. der körperlichen
2. der emotionalen (die Gefühle betreffend)
3. der kognitiven (die Gedanken betreffend) und
4. der das Verhalten betreffenden Ebene

besprochen.

Die tinnitus-spezifische Arbeit des Psychologen zielt auch auf eine Reduktion der Aufmerksamkeitsfokussierung auf die Ohrgeräusche, sodass eine neue
Bewertung des Tinnitus erfolgen, und Ängste und Sorgen abgebaut werden können. Auch werden die von Tinnitus-Patienten klassischerweise erlebten Katastrophisierungen („Das Ohrgeräusch wird immer schlimmer und ich kann nichts machen.“) und erwarteten negativen Konsequenzen („Ich kann wegen des Tinnitus nie mehr arbeiten.“, „Ich kann wegen der Ohrgeräusche nie mehr richtig schlafen.“) aufgearbeitet. Ziel der Therapie ist eine verbesserte Bewältigung der Tinnitus-Symptome und ein Zuwachs an Vertrauen in die eigene Einflussnahme, die sogenannte „Selbstwirksamkeitserwartung“. Diese Selbstwirksamkeitswertung ist ein sehr relevanter Faktor zur Wiedererlangung der eigenen Gesundheit. Das Vorgehen in der tinnitus-spezifischen Psychotherapie kann hoch strukturiert und manualisiert sein, je nach Erfahrung des Therapeuten und vor allem je nach Begleiterkrankungen kann und soll der Behandler jedoch auch hiervon abweichen können. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass auch depressive Syndrome bei dieser Behandlungsform eine Verbesserung erfahren.

 

11. Welche weiteren Möglichkeiten der Behandlung gibt es?

Häufig angewendet werden sogenannte Noiser, auch Tinnitus-Noiser, Audiostimulator, oder Tinnitus-Masker genannt. Diese Geräte produzieren ein andauerndes Hintergrundgeräusch, welches vom Ohr aufgenommen wird und vom andauernden Ohrgeräusch ablenken soll, zeitgleich aber nicht stört. Anders als von vielen Patienten erwartet, darf das Noiser-Geräusch den Tinnitus nicht übertönen, weil sonst der sogenannte Habituations-Effekt, also die Gewöhnung an den Tinnitus wegfällt. Diese Habituation ist jedoch für die Verbesserung der Lebensqualität sowie Gesundheit wichtig und Teil der Therapie. Die Idee der Therapie mit einem Noiser besteht also in der Gewöhnung an das leise Geräusch des Noisers und dem Effekt, dass das eigene Ohrgeräusch (der Tinnitus) weniger störend interpretiert wird. Viele Menschen mit Tinnitus beschreiben zwar unter dem Einsatz eines solchen Noisers eine Besserung ihrer Lebensqualität, die wissenschaftliche Datenlage ist jedoch weniger überzeugend (die Erfolgsquoten liegen in Studien nicht besonders hoch). Dennoch kann der Einsatz eines Noisers im Einzelfall eine überdenkenswerte Option sein.

 

12. Sollte man Nahrungsergänzungsmittel nehmen oder eine spezielle Diät einhalten?

Für den Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln in Bezug auf frei erhältliche Stoffe wie zum Beispiel Antioxidantien ließ sich bei der Behandlung von Tinnitus bis jetzt kein Wirksamkeitsnachweis finden, der die Gesundheit maßgeblich verbessert hat. Vom Einsatz dieser Substanzen wird bei der Therapie von Tinnitus in den Leitlinien der Fachgesellschaften abgeraten.

 

13. Welche Verfahren umfassen mehrere Therapieansätze?

Die sogenannte Tinnitus-Retraining-Therapie ist eine Form der Behandlung, die psychoedukative Ansätze (Tinnitus-Counseling), Hörtherapie sowie evtl. akustische Verfahren sowie der Einsatz von tinnitus-spezifischer Psychotherapie beinhaltet.

 

14. Was kann man noch tun – Selbsthilfegruppen bei Tinnitus

Wie bei vielen anderen chronischen Erkrankungen ist die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe auch bei andauernden Geräuschen im Ohr sinnvoll. Ziel sind die Informationsübermittlung über die Erkrankung, Austausch von Adressen von Experten, Diskussion über Behandlungsmöglichkeiten, aber auch der Austausch von positiven Behandlungsergebnissen, gegenseitiges Verständnis und Fürsprache. Alleine die Erfahrung, dass auch andere Patienten mit chronischem Tinnitus eine ähnliche Leidensgeschichte haben und lernten mit der Erkrankung umzugehen und diese zu beherrschen, kann sehr entlastend sein und so der eigenen Gesundheit dienen. Die Selbsthilfegruppe, die für eine Therapie gewählt wird, sollte wohnortnah gelegen sein.

 

15. Was kann man als Patient also gegen chronischen Tinnitus tun?

 

  • Informationen einholen um Ängste abzubauen und die Erkrankung besser zu verstehen
    Stressreduktion
  • Vermeidung starker akustischer Reize, auch subjektiv unangenehmer oder „stressiger“, störender oder irritierender Schall“ sollte unterbunden werden
  • „Schallanreicherung“ – absolute Stille sollte vermieden werden, diese ist eher kontraproduktiv. Von vielen Menschen als eher angenehm empfunden sind naturnahe Geräusche wie das Plätschern eines Baches, Meeresrauschen oder leises Vogelzwitschern. Oft kann auch ein gedämpftes Hintergrundgeräusch wie entfernt spielende Kinder als angenehm empfunden werden
    Eher die Geräusche im Ohr ein Stück weit akzeptieren als dagegen zu kämpfen
  • Bei Chronifizierungsgefahr: störungsspezifische Psychotherapie
  • Behandlung von Begleiterkrankungen wie Schlafstörungen, Angst oder Depression
  • Ggf. stationäre Behandlung
  • Selbsthilfegruppen (z.B. www.tinnitus-liga.de)

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