Ab wann ist man Alkoholiker?

Alkohol ist in unserer Gesellschaft neben Nikotin das am häufigsten konsumierte und frei erhältliche Suchtmittel. Alkohol trinken ist seit langen Zeiten gebräuchlich und auch sozial akzeptiert. Bei vielen Gelegenheiten wie Familienfeiern, Geburtstagsfeiern, Silvester, ja selbst bei Betriebsfeiern ist Alkoholkonsum nicht wegzudenken. Hier fallen nicht die auf, die Alkohol trinken, sondern diejenigen, die es nicht tun.

In jedem Supermarkt, an jeder Tankstelle steht Alkohol direkt verlockend neben der Kasse. Bier wird in manchen Kreisen schlichtweg als Nahrungsmittel eingestuft. Wenn der Alkoholkonsum also in einem bestimmten Rahmen sozialverträglich normal erscheint, ändert sich die Einstellung der Gesellschaft jedoch schlagartig, sobald jemand aus dieser Norm herausfällt und zu viel trinkt oder sich unter Alkohol auffällig verhält. Rasch fällt nun das Wort „Alkoholiker“. So stellt sich nun aber die Frage: Ab wann ist man Alkoholiker?

Was gilt noch als "normaler" Alkoholkonsum und ab wann spricht man von Alkoholismus?

Suchtmediziner verwenden den Begriff „Alkoholiker“ übrigens ungern, bedeutet „Alkoholiker“ doch eine Stigmatisierung des Alkoholerkrankten. Lange Zeit hielt man Menschen, die ihren Alkoholkonsum nicht mehr steuern können, für charakterschwach oder willensschwach. Heute weiß man, dass die Alkoholabhängigkeit eine Erkrankung ist, die entsprechend diagnostiziert und behandelt werden muss. Viele Menschen fragen sich jedoch, ob ihr Alkoholkonsum noch „normal“ ist oder ob sie bereits eine Alkoholabhängigkeit haben.

Aus der suchtmedizinischen Erfahrung kann man sagen, dass es hier oft kein klares Ja oder Nein gibt. Wie bei Vielem handelt es sich um ein Kontinuum zwischen normalem, gesellschaftskonformen Alkoholkonsum am einen Ende und süchtigem Trinken von Alkohol am anderen Ende.

Ein kritischer Punkt ist sicher dann erreicht, wenn Alkohol nicht mehr zum Genuss getrunken wird oder weil es in der Situation in unserer Gesellschaft einfach üblich ist, sondern wenn ein Mensch Alkohol zu sich nimmt, um sich in irgendeiner Weise psychisch zu manipulieren und/oder Probleme zu verdrängen. Hier spielt dann nicht nur die Menge des zugeführten Alkohols eine Rolle, sondern auch die Funktion („Ich trinke Alkohol, um ruhiger zu werden.“, „Ich trinke jetzt Wein, um den Tag abzuschließen.“, „Ich gönne mir jetzt noch ein Bier, das habe ich verdient.“).

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Wie lässt sich Alkoholsucht definieren? Was sind Kriterien für eine Abhängigkeit (Alkoholismus)?

Da es aus suchtmedizinischer Sicht nun aber wichtig ist eine klare Definition zu haben, ab wann eine behandlungsbedürftige Alkoholsucht besteht, bedient man sich der Definition der WHO, die in der ICD-10 (International Classification of Diseases) Kriterien für sämtliche Erkrankungen und somit auch für die Alkoholabhängigkeit festgelegt hat.

Hier werden sechs Kriterien benannt, von denen mindestens 3 innerhalb der letzten 12 Monate erfüllt sein müssen, um von einer Alkoholabhängigkeit zu sprechen.

Die Kriterien sind:
I. Craving (starkes Verlangen Alkohol zu trinken)
II. Kontrollverlust über den Alkoholkonsum bezüglich Beginn oder Menge
III. Toleranzentwicklung gegenüber der Alkoholwirkung
IV. Einengung auf das Alkoholtrinken und dadurch Vernachlässigung anderer Interessen
V. Anhaltender Alkoholkonsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen (gesundheitlich, psychisch oder sozial)
VI. körperliches Entzugssyndrom bei Reduzierung der Alkoholmenge oder Abstinenz

Was sind die sozialen Folgen von Alkoholsucht?

Unter Craving, häufig auf Deutsch auch Suchtdruck genannt, versteht man ein unwiderstehliches Verlangen Alkohol zu konsumieren, auch wenn dem Menschen klar ist, dass der Alkoholkonsum eigentlich gerade unpassend oder sogar schädlich ist. Der Kontrollverlust beschreibt die Unfähigkeit über Beginn des Alkoholkonsums oder Trinkmenge noch frei entscheiden zu können.

Die Toleranzentwicklung drückt die ständig höheren Mengen an Alkohol aus, die benötigt werden, um den gewünschten Effekt zu erreichen. Eine Einengung auf das Trinken bedeutet, dass andere Interessen hintenangestellt und vernachlässigt werden um Alkohol trinken zu können, z.B. bleibt der Betroffene lieber zu Hause, um ungestört trinken zu können, als in Gesellschaft aufzufallen oder Hobbys nachzugehen. Hierzu gehört auch der Begriff des heimlichen Alkoholkonsums, was häufig bei abhängigen Menschen, sogenannten „Alkoholikern“, zu beobachten ist.

Ein weiteres Zeichen der Alkoholabhängigkeit ist der andauernde Konsum trotz schädlicher Folgen. Diese können in verschiedensten Formen auftreten. Körperliche Folgeschäden aufgrund von überhöhtem Alkoholkonsum sind Leberschäden bis hin zur Leberzirrhose oder auch Nerven- und Hirnschäden, psychische Folgeschäden wie z.B. die Entwicklung einer alkoholinduzierten Depression (ca. 80% der Menschen mit Alkoholabhängigkeit sind mindestens mittelgradig depressiv!).

Typisch bei einer Alkoholabhängigkeit sind auch soziale Folgeschäden, die zu sozialer Ausgrenzung des Menschen oder gar Arbeitsplatzverlust und Ehescheidungen und letzten Endes zum kompletten Verlust der sozialen Struktur mit Obdachlosigkeit führen können.

Was sind die körperlichen Folgen von Alkoholsucht?

Fehlt nun noch das letzte Kriterium der Alkoholsucht, die körperliche Alkoholabhängigkeit. Aus suchtmedizinischer Sicht ist hierauf ein besonderes Augenmerk zu legen, da bei Menschen, die körperlich von Alkohol abhängig sind, rasch lebensbedrohliche Zustände entstehen können. Bei Alkohol handelt es sich um eine beruhigende und Hirnfunktionen dämpfende Substanz. Bei regelmäßigem Alkoholkonsum gewöhnt sich das Gehirn an diese dauerhaft vorhandene Dämpfung durch Alkohol und lernt, dieser Wirkung gegenzusteuern.

Fällt nun rasch die dämpfende Wirkung des Alkohols durch Abstinenz weg, kann sich das Gehirn nicht schnell genug anpassen und gerät in eine Übererregung: Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur steigen an, es kommt zu einem Zittern von Händen oder auch des ganzen Körpers. Häufig treten sogar epileptische Anfälle oder sogenannte Entzugsdelirien auf. Dies sind psychische und körperliche Ausnahmezustände, in denen der Realitätsbezug verlorengeht, Blutdruck- Puls und Temperatur in lebensbedrohliche Bereiche ansteigen und die unbehandelt auch zum Tod führen können.

Die Behandlung einer fortgeschrittenen Alkoholabhängigkeit sollte deshalb unbedingt durch einen in der Alkoholsucht erfahrenen Arzt durchgeführt werden und der akute Entzug in einer hierauf spezialisierten Klinik oder Abteilung (in der Regel Psychiatrie oder Innere Medizin) stattfinden.

Ab wann sollte man sich professionelle Hilfe suchen?

Nach ICD-10 müssen mindestens 3 dieser Kriterien erfüllt sein, um die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit zu stellen. Sollten nun aber nur 1 oder 2 Kriterien erfüllt sein, lässt sich zwar die Diagnose der Alkoholabhängigkeit nicht stellen, die Wahrscheinlichkeit, dass ein problematischer Alkoholkonsum vorliegt, der über kurz oder lang im Vollbild einer Alkoholabhängigkeit münden kann, ist aber durchaus hoch.

Somit macht es aus suchtmedizinischer Sicht durchaus auch Sinn, bereits in diesem Stadium Hilfe durch Suchtberatungsstellen oder suchtmedizinisch qualifizierte Ärzte zu suchen. Generell ist es wie bei vielen psychischen Erkrankungen: je früher man Hilfe sucht, desto besser lässt sich ein Fortschreiten der Problematik verhindern.

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Alkoholabhängigkeit - Was können Angehörige tun?

Deutschlandweit sind über eine Million Menschen alkoholkrank. Dabei ist eine Abhängigkeit eben nicht durch eine bloße Willensanstrengung überwindbar, sondern stellt eine Krankheit dar.

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